Handwerker gelten in der Gesellschaft oft als Notlösung für schlechte Schüler – ein Beruf, den man wählt, wenn es für Anderes nicht reicht. Doch stimmt dieses Bild wirklich? Eine Umfrage der Handwerkerplattform Ofri unter 57 Schweizer Handwerksbetrieben zeigt: 98 Prozent der Handwerker sind stolz auf ihren Beruf. Trotzdem fühlt sich fast jeder Zweite von der Gesellschaft nicht ausreichend anerkannt.

Die eigene Motivation der Handwerker widerspricht dem Klischee von der Notlösung: 37 Prozent wählten den Beruf, weil sie praktisch statt im Büro arbeiten wollten, 21 Prozent aus echter Leidenschaft, 17 Prozent aus familiärer Tradition. Bei einigen (23 Prozent) hat sich der Weg ins Handwerk eher zufällig nach der Schule ergeben.
Guido Eggerschwiler von der «Eggerschwiler GmbH, Metall, Bau & Design» wollte nie den sicheren Weg gehen, den sich sein Vater für ihn wünschte – einen Job bei der Post oder der SBB. Stattdessen entschied er sich für einen Beruf, in dem er mit seinen Händen etwas erschaffen kann. Bis heute fasziniert es ihn, mit Liebe zum Detail verschiedenste Objekte zu bauen und zu reparieren. Er sagt: «Mein Ziel ist es, zu sehen – ja zu erleben –, dass das, was ich vor Jahrzehnten hergestellt und montiert habe, noch immer hält und aussieht wie damals. Berufsstolz hat man oder hat man nicht. Das zeigte sich schon damals in der Lehre. Aufgeben ist keine Option.»

98 Prozent der befragten Handwerker sind stolz auf ihren Beruf. Am häufigsten genannt werden die Selbstständigkeit und Eigenverantwortung (70 Prozent), dicht gefolgt von zwei gleich oft genannten Gründen: der Zufriedenheit der Kunden und dem Gefühl, am Ende des Tages zu sehen, was man geleistet hat (je 61 Prozent). Dennoch fühlen sich 47 Prozent nicht ausreichend anerkannt.

Die fehlende Anerkennung, die fast jeder zweite Handwerker spürt, hat nicht nur mit dem Umgang einzelner Auftraggeber zu tun – sie sitzt tiefer. Handwerk gilt in vielen Familien und Schulen noch immer als zweite Wahl. Auf die Frage, warum sich zu wenige Jugendliche für einen Handwerksberuf entscheiden, nennen die Befragten am häufigsten die körperliche Belastung des Berufs (65 Prozent). Fast ebenso oft – bei 60 Prozent – wird der gesellschaftliche Druck in Richtung Studium und akademische Karriere genannt. Der Weg ins Handwerk wird jungen Menschen selten aktiv nahegelegt.
Diese Erfahrung kennt auch Besar Salii von der «Universal Home GmbH». Obwohl in seiner Familie viele in der Baubranche tätig waren, wünschte sich seine Mutter einen anderen Berufsweg für ihn. «Welche Mutter wünscht sich nicht, dass ihr Kind im Anzug herumläuft oder Arzt wird? Jeder Mensch sollte am Ende aber den Beruf machen, der ihm wirklich Spass macht.»

Was hinter einem Handwerksauftrag alles steckt, bleibt für Auftraggeber oft unsichtbar. 84 Prozent der befragten Handwerker erleben oft oder manchmal, dass Auftraggeber die Komplexität ihrer Arbeit unterschätzen. Was sich Handwerker am meisten wünschen: mehr Respekt für ihre Zeit (51 Prozent) und mehr Wertschätzung für ihre Arbeit (42 Prozent).
Christian Schäfer von der «Zum Heissenstein HandWerk GmbH» erlebt diese fehlende Wertschätzung ebenfalls im Alltag. «Viele meinen, wir stehen morgens auf, haben den Hammer in der Tasche und können direkt zum Kunden fahren. Dabei haben wir auch eine Büroorganisation, koordinieren Material und planen unsere Projekte teilweise Monate im Voraus.»
Guido Eggerschwiler kennt das Problem aus eigener Erfahrung. Er erklärt, wie viel Herzblut und handwerkliche Arbeit hinter jedem seiner Projekte steckt. Montiert er zum Beispiel ein selbst angefertigtes Vordach, sehen Auftraggeber nur die Montage – die aufwendige Vorarbeit bleibt unsichtbar. Was nicht gesehen wird, wird auch nicht geschätzt: Am Ende zählt für viele nur der Preis, egal wie gut die Qualität ist.

Dieses gesellschaftliche Bild hat Folgen: Zu wenige Jugendliche finden den Weg ins Handwerk. 63 Prozent der befragten Betriebsinhaber bestätigen: Sie haben aktuell Mühe, neue Mitarbeiter zu finden. Bei über einem Drittel (37 Prozent) dauert die Suche sogar mehr als sechs Monate.


Ofri ist eine unabhängige Handwerkerplattform aus Zürich. Privatpersonen, Unternehmen und Verwaltungen erstellen dort Aufträge rund um Haus, Garten, Umzug, Reinigung, Entsorgung oder Autoreparaturen. Danach erhalten sie passende Offerten von regionalen Fachbetrieben. Die erwähnte Umfrage hat Ofri im Juni 2026 durchgeführt. Insgesamt nahmen 57 Schweizer Handwerksbetriebe teil.
Kontakt für Rückfragen: ofri Internet GmbH, Silvia Piangou, 044 520 51 64, [email protected]